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ich, Ich, ICH: – über die Inszenierung der eigenen Person

Es gehört zum Selbstverständnis der späten Moderne: Es sei die wichtigste und vornehmste Aufgabe des Menschen, sich selbst zu entfalten; seine Einzigartigkeit zu suchen und zu entwickeln; seine Authentizität zu leben; sein Leben spontan, erlebnisreich und freudvoll zu gestalten. Wozu sonst wäre man auf der Welt?

Dieser Auftrag ist nicht leicht zu erfüllen, und in Wahrheit schafft er mehr Enttäuschung als Zufriedenheit. Denn die Individuen sind schon dadurch überfordert, dass kaum noch äußerliches, gültiges, geltendes „Material“ vorhanden ist, an dem man sich orientieren könnte. Für immer mehr Menschen besitzen das Christentum und die Aufklärung, der Sozialismus und der Fortschritt - oder was immer auch - nicht jene Überzeugungskraft, dass man darauf vertrauen kann. Also ist man auf sich selbst verwiesen, ganz allein, mit der Bastelaufgabe, die eigene Identität zusammenzuflicken.

Natürlich scheitert man am Vorhaben, die Originalität der Person zu konstruieren. Man möchte ja schließlich nicht gänzlich aus der Gesellschaft hinausfallen, man muss ja „anschlussfähig“ bleiben, verständlich für die Mitmenschen – und Individualität soll auch als Erfolgsressource dienlich sein. Also muss man auch das Wesen der eigenen Persönlichkeit auf eine Weise signalisieren, dass die anderen verstehen, wie individuell man ist - das heißt mit jenen Mustern und Accessoires, mit denen alle, die ihre Einzigartigkeit signalisieren wollen, ihre Einzigartigkeit signalisieren.

Das entspricht unserem praktischen Erleben: Die spätmoderne Gesellschaft ist in Wahrheit von einem weitgehenden Konformismus geprägt. Es ist ein unhinterfragter Gehorsam gegenüber den Geboten des Zeitgeistes, der Peer groups, der Medien, der Lifestyle-Zeitschriften, ein Gehorsam des Stils ebenso wie des Denkens, ein Phrasen-Geplappere unter Originalitätsanspruch.

Aber das fügt sich gut zusammen, denn in einer narzisstischen Gesellschaft achtet ohnehin ein jeder nur auf sich selbst - und der stete Blick auf die eigene Seele lässt gar nicht mehr wahrnehmen, dass die Entfaltung der eigenen Person in Wahrheit immer nur in einer „gemeinschaftlichen Gesellschaft“ stattfinden kann, in der man – mit wachem Geiste – lebt und mit der man sich – in kritischer Loyalität – solidarisch fühlt.

09:15 - 10.15

Manfred Prisching

Manfred Prisching

 
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