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"Man kann kein Seil spannen,
wenn man es nur an einem Ende befestigt."

Selbstverwirklichung in Gegenspannung zum Gehorsam

Heiner Müller, der rebellische agnostische Regisseur aus der DDR, beklagte 1994 das Verlöschen der Metaphysik. Die bloße Sehnsucht danach genüge nicht, wenn es keine metaphysischen Reserven mehr gebe, denn: „Man kann kein Seil spannen, wenn man es nur an einem Ende befestigt.“

Dieser Satz ist augenöffnend: Leben entfaltet sich immer in Spannung, im Hin und Her der sich beständig verschiebenden Herausforderungen durch Andere. Selbstdurchsetzung ist nicht Selbstverwirklichung. Denn bei der Selbstdurchsetzung bleibt der Andere auf der Strecke - vielleicht sogar ein Anderes in mir selbst, das zurückgedrängt und übertönt wird. Selbstverwirklichung heißt, diesem Anderen Raum in sich zu geben, daran zu wachsen, sich erweitern zu lassen. Der Mensch ist auch, vielleicht vor allem zu verstehen als Werk des Menschen am Menschen. Der bloße Naturbursche, der als Robinson wortlos, antwortlos vor sich hinlebt, ist eine Erfindung später Phantasie; sie entsteht in müden oder romantischen Phasen, die der menschlichen Resonanz überdrüssig sind und zum Autistischen neigen. Genau besehen bedarf selbst dieser Robinson eines Freitag, der mit ihm „schwingt“ oder schweigt oder jubelt. Angst, Hoffnung, Freude wollen geteilt sein: um sich zu vermindern oder zu vermehren.

Deswegen ist das Hören auf die eigene Wirklichkeit, die zur Gestaltung drängt, unhintergehbar verbunden mit dem Hören auf die stimmige Beziehung. „Am Du gewinnt sich das Ich“, so Buber. Das kann zweifellos in Abgründe führen, aber ebenso zweifellos sind wir nicht als Autisten, sondern als Liebende geboren. Aber: Wie bleibt Beziehung stimmig, so daß ich darauf hören kann? Wo wechselt der Gehorsam in eine falsche Hörigkeit, wo in ein wunderbares Gehören?

14:00 - 15.00

Hanna Barbara Gerl-Falkovitz

Hanna Barbara
Gerl-Falkovitz

 
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