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Psychopathologie und Gehorsam

Psychodynamisch besteht der Mensch aus Bauch, Kopf und Herz. Der Bauch steht für Emotionen und Triebe – das berühmte Bauchgefühl. Er ist irrational, schwer steuerbar, weder gut noch schlecht und hält sich weder an „Prinzipien“ noch an Moral. Bei Freud ist der Bauch das „Es“. Mit dem Bauch begehrt der Mensch. Der Kopf hingegen ist die Vernunft. Er sucht nach der Wahrheit, lässt sich aber gerne vom Bauch einlullen. Mit dem Kopf versteht der Mensch. Das Herz ist die Mitte des Menschen, der Wille, das Gewissen. Mit dem Herzen liebt der Mensch. Hier entscheidet er sich zwischen Gut und Böse.

Nach dieser Aufteilung gibt es erstens einen Bauchgehorsam, der entweder mit Angstgefühlen oder mit Lust motiviert ist. Der Bauchgehorsam aus Angst ist unterwürfig, duckmäuserisch und falsch. Die Nazis haben diesen Gehorsam gepflegt. Der Bauchgehorsam aus Lust – dann gehorchen, wenn es gerade Spaß macht – ist im Grunde kein Gehorsam. Beide Unterarten sind letztlich egozentrisch, denn es geht um sich selbst, nicht um die gute Sache. Dependente und selbstunsichere Persönlichkeitsstörungen sehnen sich nach jemandem, dem sie „gehorchen“ können, der ihnen sagt, wo es lang geht. Dieser Gehorsam ist unfrei, getrieben und fragt nicht nach. Das psychologische Milgram-Experiment aus dem Jahr 1961 fällt in diese Kategorie.

Die zweite Variante, der Kopfgehorsam, hingegen ist kalt, herzlos, berechnend und hochmütig. Er fragt „was habe ich davon?“ und ähnelt psychologisch einer Vernunftehe. Das muss nicht immer schlecht sein: die Straßenverkehrsordnung muss man nicht unbedingt lieben. Hier geht es um eine persönliche Risiko-Nutzen Abschätzung. Der Psychologe Gordon W. Allport unterscheidet extrinsische von intrinsischer Religiosität: der extrinsisch Motivierte bedient sich der Religion, der intrinsisch Motivierte dient der Religion aus innerer Überzeugung. Der Kopfgehorsam ist extrinsisch motiviert, ihm geht es um den eigenen Nutzen. Die Religion ist Mittel zum Zweck. Er ist damit ein Fähnchen im Wind, opportunistisch und niemals Märtyrer für die gute Sache. Er neigt andererseits zum Kadavergehorsam, weil er das Gewissen nicht befragt sondern die Nützlichkeit für sich selbst. Ein klassisches Beispiel aus den Geschichtsbüchern wäre der gewissenlose, opportunistische „Gehorsam“ eines Adolf Eichmann.

Die dritte Form ist der Herzensgehorsam: dieser ist intrinsisch motiviert. Er dient der guten Sache aus einer inneren und selbstlosen Überzeugung heraus. Er ist frei und treu. Der Herzensgehorsam bringt es zustande, über sich selbst, seine Egozentrik und „Bedürfnisse“ hinauszuwachsen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. In ihm erkennt der Mensch eine Autorität an, die das innere Prinzip seines Gewissens widerspiegelt. Wenn zum Beispiel Teresa von Avila gehorcht, ist das weder unkritisch noch aufmüpfig, sondern reflektiert und intelligent. Herzensgehorsam ist leicht, wenn emotionaler und intellektueller Support da ist. Das „innere Team“, frei nach dem Kommunikationswissenschaftler Friedemann Schulz von Thun, kann aber auch uneins sein: Bauch oder Kopf finden keine rechte Freude am Gehorsam. Dann ist das Herz auf dem Prüfstand. Historische Beispiele wären der Gehorsam Abrahams beim Isaakopfer oder der blutschwitzende Jesus vor Golgota.

Psychologisch gesehen ist Gehorsam dann hilfreich, wenn eine vertrauenswürdige Autorität für eine gewisse Kompetenz innerlich anerkannt werden kann. Das Fußballteam gewinnt, das seinem Trainer vertraut und – gehorcht. Oft hat man gesehen, wie in einer Mannschaft von hochbegabten Individualisten jeder alles besser weiß - und das Spiel aufgrund der Überzahl der Selbstverwirklicher verloren wird. Teamfähigkeit, die Fähigkeit zum Einordnen und Gehorchen, sind Zeichen von psychischer Gesundheit. Die prinzipielle Unfähigkeit zum Gehorsam hingegen ist das Problem von narzisstischen Psychopathien.

15:30 - 16.30

Raphael M. Bonelli

Raphael M. Bonelli

 
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